Montag, Juli 28, 2008

MELT 2008 in Ferropolis/Gräfenhainichen

Wieder ging es auf zum pickepackevoll mit guter Musik geladenen Festival in der Tagebau-Landschaft bei Dessau. Wie im Jahr zuvor regnete es bei der Abfahrt in Köln in Strömen. Bescherte uns Petrus vor Jahrefrist jedoch das heißeste Wochenende des Jahres, galt es heuer die kältesten und nassesten Tage zwischen Ostern und Weihnachten durchzuzelten. Zum Glück hielten sich die Wettereskapaden an feste Zeiten - abends um neun kamen die großen Güsse und Gewitter. So verzögerte sich unser erster Besuch des Festivalgeländes auf Mitternacht, aber macht nix: schließlich geht alles bis 6 Uhr morgens, dann im Sleepless Floor weiter und diesmal zudem drei Nächte durch. Für unseren persönlichen Auftakt sorgen die Editors, die eine heiß-rockige Show abliefern, ohne dass Sänger Tom Smith deshalb Abstriche sein Dandytum betreffend machen muss.

The Editors

Da sprüht auch der imposante Braunkohle-Bagger vor Freude
Kontrastprogramm: Auf einer anderen Bühne legt die Berliner Star Djane Ellen Allien auf. Relativ unerwartet und ohne Zuhilfenahme illegaler Substanzen tanzen wir entfesselt und glücklich, bis am klaren Himmel eine glühende Sonne emporsteigt. Abgehärtete Naturen springen bei gefühlten fünf Grad in den See.
Auf dem Treck zurück zum Zelt noch eine Begegnung mit bierseliger Ansprache in reinstem Bajuwarenglisch. Ein junger Musikliebhaber, der uns eben noch etwas sagen zu wollen schien, dann jedoch merkte, dass er uns eigentlich nichts zu sagen hatte und uns daher verzweifelt anpfiff und seitwärts weiterschlurfte, fand dann doch zurück zur Macht der Sprache und richtete seine Aufmerksamkeit auf eine junge Dame zehn Meter vor ihm: "Whatts your Nääm? Ah, Servus, my name is Xaver, i'm from Bavaria, you know bavarian Beer? Ah, sis is Preissenbier, not so gudd. Kruzifix, jetzt bloabst holt amol stehn..." Ja, mei... wir wissen nicht, wie der Morgen endete.
Wer um sieben in den Schlafsack kriecht, muss etwas länger schlafen. Wir wagen uns nachmittags aus dem Zelt und - wen wunderts - es regnet. Im nächsten heiteren Moment raffen wir uns zum Festivalgelände auf und flüchten gerade rechtzeitig in eine Lounge. Als wir uns vor die Haupbühne zu Peter Licht wagen, erfreut zunächst sein humoristischer Umgang mit den meteorologischen Widrigkeiten. Als wolle der Regen Lichts Verschleierungstaktik fortführen.
Noch Regen-geplagt, doch auch -trotzend spricht uns Peter Mut zu
Die durchbrechende Sonne verstärkt das Gefühl, mit den coolen popironischen Songs im Einklang zu schweben.

Jedweden Spruch über Licht werden erspar ich mir, die Sonne ging auf - wie schön

Heute abend muss es ja nicht wieder so arg regnen, lautet der Gedanke. Das Wetter zeigt Einsicht und lässt es nicht einfach regnen, sondern schickt ein Weltuntergangsgewitter übers weite Land. Im Auto ist man bei sowas bekanntlich sicher aufgehoben, aber als die Pavillonzelte aus ihren Verankerungen und auf uns zufliegen, bin ich mir nicht mehr so sicher.


Da bleiben wir lieber noch kurz im Auto sitzen
Egal, auch das geht vorüber und wieder Erwarten sind nicht mal Tote zu beklagen. Wir machen uns erneut auf, gute Musik zu sehen und werden erstmal enttäuscht: Franz Ferdinand meinen wahrscheinlich, ihre Songs seien Selbstläufer. Oder sie können halt live nicht besser. Schade.
Dann wird es richtig spaßig. In der völlig verschlammten Red Bull Arena, die an steinerne Gladiatorenfolter-Amphikessel erinnert, heizt zunächst Edu K mit schrillem brasilianischem Dance-Punk und deutlichen Ansagen ("How much do you love your drugs?") ein. Zwischen den in nächtlicher Kälte meist dick eingehüllten Tanzenden fällt ein Crazy Mitdreißiger auf, der seinen lebensfrohen Körperbau gar nicht verhüllt. Auch die kurze Hose zieht er sich öfter mal runter und klatscht sich lasziv auf die Rubens-haften Backen. How much we love our drugs...
Dann kommen Bonde de Role. Grandios wie immer, machen sie die wildeste Party von allen und schließen mit dem Gruß "!german people super crazy cool sexy total!".
Bei Roisin Murphy freue ich mich, dass ich zu dem Hit "Movie star" wunderbar unbehindert von Umstehenden auf der hinter der Publikumsfläche gelegenen Terrasse tanzen kann. Manchmal ist man in der Ferne näher dran als im Geschiebe.
Die coole und sexy Uffie und die cheesy Dancefloor-68er Technotronic passen nicht wirklich gut zusammen.
Nach einer zweiten kurzen Nacht, von mehrerern Seiten Privatdiso-beschallt, ist es noch etwas kälter geworden. Allerdings gibt es tatsächlich sonnige warme Momente. In einem solchen sitzen wir neben einem alten VW-Bus mit Hippie-Beschallung und genießen etwas Woodstock-Feeling. Das nimmt der Besitzer, der irgendwie Ähnlichkeit mit seinem Bus hat, zum Anlass, uns zwei gebrannte und sorgfältig beschriftete CDs zu schenken. Hach, et es enne Jeföhl.
Hot Chip
Hot Chip haben erfreulicherweise einen großen organisierten Fanclub mitgebracht. Nachdem coole Musik ihren Weg in Fußballstadien gefunden hat, greifen nun auf coolen Konzerten Bräuche aus der Fußballwelt um sich. Eine Horde verrückter Engländer in Bären-, Bienenkostümen oder bunten Pyjamas machen La Ola-artiges. Aber bei Hot Chip muss eigentlich jeder hüpfen. Leider gibt es wohl Probleme mit der Tontechnik und so endet der Spaß nach gerade 40 Minuten.
Und dann Björk. Zunächst kommt sie mit vielen Fahnen und ihrer Reykjaviker Bläsertruppe erwartet imposant und esoterisch rüber.

Fahnen, mystische Stimmung, Exzentrik, aber auch ordentlich Spaß
Man unterstellt der sympathischen Pop-Fee einfach mal, dass sie ihre kulturellen Wurzeln hier nicht folkloristisch verballhornt. Mit der Zeit wird der Auftritt aber immer Rave-lastiger und der Kontext zu einem Elektro-dominierten Festival wird deutlicher. Stimmungsvoll und trotzdem zum Abhoppen - ich war skeptisch und bin zum Fan geworden.
Einen absoluten Höhepunkt bilden zum Ende die "Berlin Battery Allstars", d.h. DJ Supermarkt, Sir Khan und Jack Tennis. Auf ihrer Blogseite promoten sie gute, teilweise unbekannte Musik aus allen Erdteilen. Am Pult machen sie uns mit bretternden Remixes von Nirvana, Massive Attack und vielem Tanzbaren mehr glücklich.